| Aus "Fremdes Gelände" von Maika de Riese |
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Ein Ort mit MSie hatte wieder einmal nicht aufgepasst. Als sie es bemerkte, in einer kleinen Stadt am Abend auf dem Marktplatz, wo sie angehalten hatte, sah sie, dass sie die Karte falsch gelesen hatte. Der Ort, zu dem sie wollte, war nicht diesseits, sondern jenseits der Elbe. Sie wendete und fuhr zurück. Wie hieß das Kaff? Strehla. Es musste doch eine Brücke ans andere Ufer geben. Als sie schon wieder auf der Landstraße war, erkannte sie: Hier war kein Übergang mehr, hier kam sie nicht über den Fluss. Die nächste eingezeichnete Brücke war nördlich in Torgau, aber davor war sie schon vor einer knappen Stunde abgebogen. Oder eine zweite weiter im Süden, in Riesa. Aber das war weit weg von dem Ort, in den sie wollte. Also zurück und fragen.Es wurde schon dunkel. Kein Wunder, jetzt, Ende September. Der Sommer war vorbei. Kein Mensch auf der Straße. Als sie langsam am Marktplatz vorbeifuhr, bemerkte sie links am Eingang zu einer abfallenden kleinen Straße ein Schild: Fähre. Sie hatte richtig vermutet, sie war nah am Fluss. Am Ende der Straße ein Steg ins Wasser. Und wieder das Schild. Sie war die Einzige, die auf dieser Seite wartete. Drüben, am anderen Ufer, wenig erleuchtet, lag sie, die Fähre. Nach einer Weile kam sie über den Fluss. Ob sie einem Fahrplan folgte oder ob der Fährmann sie gesehen hatte, wusste sie nicht. Nebel kam auf. Die Fähre legte am Steg an. Es rumpelte dumpf, als sie über die Bretter fuhr. Nach ihr kam noch ein Junge mit einem Fahrrad. Da war sie froh, dass sie nicht der einzige Passagier war. Noch nie war sie in Dunkelheit und Nebel auf einer Fähre über einen Fluss gefahren. Der Fährmann kam ans Auto. Sie ließ das Fenster herunter und zahlte. Er schob den Schein in die Tasche, gab Wechselgeld heraus und beobachtete sie misstrauisch, registrierte das fremde Kennzeichen. Kein Nicken, kein Lächeln. Die Fähre legte ab. Über dem Fluss wurde der Nebel dichter. Die Wellen klatschten an den Rumpf. Wenige Minuten Fahrt, dann waren sie drüben. Von der Fähre fuhr sie auf den Steg. Es ging bergauf. Der Junge mit dem Fahrrad überholte sie und bog oben nach rechts ab. Dann war da gleich eine kleine Landstraße und ein Richtungsschild nach links. Mühlberg 12 km. Endlich war sie auf dem richtigen Weg. Der Nebel hatte inzwischen so zugenommen, dass sie rechts und links kaum noch etwas erkennen konnte. An Ortsschildern erkannte sie, dass sie durch zwei kleinere Dörfer kam. Dann las sie den Namen des Ortes, zu dem sie unterwegs war. Sie war angekommen. Gerade noch hat das Kind im Garten hinter dem Haus gespielt. Da steckt die Mutter den Kopf zum Küchenfenster heraus und ruft es ins Haus. Irgendetwas in ihrem Gesicht ist anders als sonst. Warum ist es so rot? Oben sitzt die Mutter im Wohnzimmer am Schreibtisch des Vaters. Jetzt sieht das Kind, was es ist. Die Mutter hat geweint. Sie streckt die Arme nach der kleinen Tochter aus. Die drückt sich an sie. Die Mutter zieht sie auf ihren Schoß. Das ist etwas Besonderes, jetzt an einem gewöhnlichen Vormittag, da ist sonst keine Zeit für irgendwelche Zärtlichkeiten. Warum ist die Mutter überhaupt zuhause und nicht bei der Arbeit? Ich muss dir etwas sehr Trauriges sagen, sagt die Mutter, und da kommen auch schon wieder die Tränen. Dein Vater ist tot. Das Kind mag es gar nicht, wenn die Mutter weint. Es fühlt sich dann hilflos und weiß nicht, was es tun soll. Es ist auch unangenehm. Die Tränen der Mutter machen ihm das Gesicht nass und es traut sich nicht, das Nasse abzuwischen. Eben war ein Mann da, der deinen Vater aus dem Lager kannte. Er hat es mir gesagt. Vorige Woche ist er entlassen worden und nach Hause gekommen. Er hat ihn dort gesehen und manchmal mit ihm gesprochen. Schon vor über einem Jahr ist dein Vater gestorben. Verhungert. In Mühlberg an der Elbe. Vergiss das Wort. Sag es nie. Mittlerweile war der Nebel so dicht, dass sie auch die Häuser in den Straßen nur schemenhaft erkennen konnte. In einem der beiden Hotels, die man ihr genannt hatte, war ein Zimmer für sie reserviert. Aber wie sollte sie die Straße finden? Es war eine alte Stadt mit niedrigen spitzgiebligen Häusern, soviel konnte sie im Scheinwerferlicht erkennen. Sie taste sich vorwärts. Kein Mensch auf der Straße. Vor ihr ragte plötzlich ein wuchtiger Turm auf, dahinter war die Straße gesperrt. Sie wendete mit Mühe. Dann war da eine Laterne, die ihr Licht in einem milchigen Kegel an eine Hauswand warf und daran erschien ein Straßenschild. Erleichterung. Sie war in der richtigen Straße. Und wie in einem guten Traum schimmerte daneben ein Wirtshausschild auf. Turmhotel. Sie war da. Der Vater. Das Kind weiß nicht genau, was ein Vater ist. Nur dass es früher einen gehabt hat, dass er auch bei ihnen wohnte, aber an ihn erinnern kann es sich nicht. Du warst noch zu klein, als sie ihn abgeholt haben, sagt die Mutter. Seine Fotografie hängt in einem Rahmen über dem Schreibtisch neben dem Kruzifix. Ein strenges Gesicht mit einer schmalen Nase unter einem Stahlhelm, neben diesem „O Haupt voll Blut und Wunden“. Zwei Männer, die sie nicht kennt. Jetzt sind also beide tot. Das Kind macht sich schmal im Arm der Mutter. Sie will sie nicht zu sehr berühren. Sie schämt sich, weil sie die Trauer der Mutter nicht teilen kann. Sicher, denkt sie, erwartet sie von mir, dass ich jetzt mit ihr weine. Aber es kommen einfach keine Tränen, so sehr sie sich auch bemüht. Eigentlich will sie nichts lieber, als zurück in den Garten zu dem Mooshäuschen, das sie gerade gebaut hat. Ein Vater, denkt sie, das ist so ein fremder Mann in der Familie. Manche ihrer Freundinnen haben einen Vater zu Hause. Das ist einer, der zu kleinen Mädchen nicht besonders freundlich ist. Der immer streng guckt, der nicht in der Küche hilft oder beim Saubermachen. Der keine Puppenkleider näht und einem ein Pflaster aufs Knie klebt, wenn man hingefallen ist. So etwas tun nur die Mütter. Höchstens repariert so ein Vater mal etwas, wenn es kaputt gegangen ist. Aber vorher schimpft er noch mit einem, weil man es kaputt gemacht hat. Nein, das Kind glaubt nicht, dass man so jemand besonders dringend braucht. Und nun kann es mit der Mutter nicht einmal weinen. Ein hartherziges Mädchen bin ich, denkt sie. Jetzt ist auch ihre Bluse vorne von den Tränen der Mutter nass. Die ist jetzt still, schaukelt mit der Tochter im Arm nur etwas vor und zurück. Dann lässt sie das Kind von ihren Knien gleiten, hält es noch kurz am Arm fest und sagt eindringlich: Vergiss, was ich Dir gesagt habe. Wenn dich jemand nach deinem Vater fragt, sag einfach, er ist tot. Das ist nichts besonderes. Viele Männer sind jetzt tot und viele Kinder haben keinen Vater mehr. Aber vor allem vergiss diesen Ort. Sprich den Namen nie aus. Du darfst ihn nicht kennen. Mühlberg. Das Kind sieht einen Berg mit einer Mühle davor. Die Mühle klappert am rauschenden Bach. Ein hübsches Bild. Sie könnte es mit ihren neuen Buntstiften malen. Warum soll man von einer Mühle an einem Berg nichts sagen? Und was passiert, wenn man es doch sagt? Aber das fragt sie die Mutter besser nicht. Sie kennt die Antwort schon. Weil DIE dann kommen und einen bestrafen. Weil man etwas gesagt hat, was DIE nicht gerne hören, auch wenn es die Wahrheit ist. Enge Steinstufen führten zur Eingangstür. Gleich dahinter der Gastraum. Männer saßen beim Bier. Sie hoben die Köpfe und schauten der Fremden stumm und fragend entgegen. Der Wirt gab ihr das Anmeldeformular. Dann führte er sie die Treppe hinauf und zeigte ihr das Zimmer. Es war klein und eng, fast ganz ausgefüllt von einem riesigen Bett mit rosa Kissenbezügen, darüber ein Plüschfell in sattem Lila. Die Gäste vor ihr mussten starke Raucher gewesen sein, denn der Raum war ausgefüllt von abgestandenem Zigarettenqualm. Der Wirt schien das zu wissen. Er zog eine Spraydose aus der Hosentasche und versprühte einen süßlichen Duft im Zimmer, der sich mit der Raucherluft unangenehm vermischte. Als er sie allein gelassen hatte, öffnete sie das Fenster und ließ die feuchte Nebelluft herein. Von der Aussicht konnte sie nichts erkennen. Nur soviel, dass ihr Zimmer auf der Rückseite des Hauses liegen musste, denn die weißlichen Lichtkegel der Straßenlaternen fehlten. Angekommen im Nebel im Herbst. Die richtige Stimmung, um einen unbekannten Vater zu suchen. Das Kind geht wieder in den Garten spielen. Dort blüht der Flieder so schön, und die Wäsche auf der Bleiche darf sie mit ihrer kleinen Gießkanne begießen. Es hält sich an das Verbot. Auch von keinem anderen Menschen hört sie jemals diesen Mühlennamen. Sind denn die Mutter und sie die einzigen Menschen auf der Welt, die etwas von dem Ort wissen, an dem man verhungert? Erst als sie einige Jahre später mit der Mutter im Westen lebt, traut sie sich, den Namen auszusprechen. Da ist sie schon zwölf und geht auf eine Westschule. Hier im Westen, hat die Mutter gesagt, sind die Menschen frei und können alles sagen. Hier gibt es keine verbotenen Wörter. Vor der neuen Klasse soll sie erzählen, wo sie herkommt und was ihre Eltern machen. Ich komme aus dem Osten, sagt sie, aus der DDR. Dort haben wir in der Schule Russisch gelernt. Gleich, denkt sie, werden sie wollen, dass ich etwas auf Russisch sage. Und dann wird sie ihnen eines der schönen russischen Lieder vorsingen, die sie gelernt hat. Aber niemand fragt. Meine Mutter arbeitet hier bei der Kirche, sagt sie, und mein Vater ist tot, gestorben im NKWD-Lager Mühlberg an der Elbe. NKWD, fragt die Lehrerin, was ist denn das. So hieß der sowjetische Geheimdienst früher, sagt das Mädchen, jetzt heißt er KGB. Solche Lager richteten die Sowjets drüben ein für Menschen, die sie nicht haben wollten. Viele starben dort, auch mein Vater. So hat es ihr die Mutter inzwischen erklärt. Die Russen sperrten drüben bei euch Menschen in Lagern ein? Die Lehrerin fragt es ungläubig. Davon hat sie noch nie gehört. Die Russen haben doch die Lager im Osten befreit. Dann kommt ihr eine Erinnerung: Der Vater muss ein Nazi gewesen sein. Das sagt sie nicht mehr, aber das Mädchen kann es in ihrem Gesicht lesen. Sie sieht ihr an, was sie denkt. Sieht auch die ungläubigen Gesichter der neuen Mitschüler und schweigt. Nie wieder sagt sie etwas von Mühlberg. War mein Vater ein Nazi, fragt sie die Mutter am Abend. Ich glaube nicht, antwortetet die. Auf jeden Fall nicht, solange ich mit ihm zusammen war. Weißt du, heute sagen alle, dass sie keine Nazis waren. Nazis waren immer die anderen. Das ist leicht. Aber schwer ist es zu wissen, wer wirklich einer war. Schon der, der den Arm gehoben hat und mit Heil Hitler grüßte? Oder nur einer, der wirklich diese schrecklichen Dinge getan hat, von denen man jetzt weiß. Dein Vater hatte studiert, und er war Offizier, deshalb musste er wohl ins Lager. Die Russen fürchteten sich vor Intellektuellen, Sozialdemokraten, Menschen, die für sie „Kapitalisten“ waren und eben auch vor ehemaligen Nazis. Weil sie dachten, dass sie mit diesen Leuten ihren neuen kommunistischen Staat nicht aufbauen können. Sie nahmen einfach jeden mit, von dem sie glaubten, dass er ihr Feind sei. Da musste einer gar kein Nazi gewesen sein. Ist das die Antwort auf ihre Frage? Sie weiß immer noch nicht, wer ihr Vater gewesen ist. Wenn sie jetzt nach ihm gefragt wird, dann sagt sie einfach, er lebt nicht mehr. Im Krieg, sagt sie, nicht zurückgekommen aus dem Krieg. Jetzt ist der Vater erst richtig tot. Noch immer denkt sie, dass sie einen Vater nicht braucht. Es muss noch viel Zeit vergehen, bis ihr Zweifel kommen. Sie sieht ihre kleine Tochter auf dem Arm des Vaters, ihres Mannes. Sieht, wie sie ihm mit ihren kleinen Händen ins Gesicht greift und lacht. Wie zärtlich das kleine Mädchen mit dem großen Mann ist und wie ihm das gefällt. Und plötzlich fühlt sie in sich eine starke Eifersucht, für die sie sich gleich schämt. Eifersüchtig auf die eigene Tochter. Woher kommt das, das darf nicht sein. Aber von da ab beobachtet sie das Verhältnis zwischen Vater und Tochter genauer. Wie vertrauensvoll das Kind in seinem Arm schläft. Wie mutig es an seiner Hand Bekanntschaft mit dem großen Bernhardiner aus dem Nachbarhaus macht. Mit seiner Hilfe überwindet sie später die Furcht vor tiefem Wasser und ihre Schwäche in Mathematik. Sie wird ein selbstbewusstes fröhliches Mädchen, das sich beherzt ihrem Leben stellt, ganz anders als sie selbst. Lernt man das vielleicht bei einem Vater? Jetzt erst beginnt sie, den unbekannten Vater zu vermissen. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schien eine freundliche Herbstsonne ins Zimmer. Nichts erinnerte mehr an den Nebel des Vortags. Beim Blick aus dem Fenster sah sie in kleine Gärten mit Astern und welkenden Sonnenblumen am Zaun, den letzten Äpfeln im Gras und mit Dachpappe abgedeckten Karnickelställen. Links vom Wirtsgarten flatterte Wäsche an einer Leine zwischen zwei Bäumen, rechts lehnten Gartengeräte am Zaun. Wie vertraut ihr das alles war. So hatten die Gärten auch in ihrer Kinderstadt ausgesehen. Nur etwas war jetzt ganz anders als damals. Die Straße hinter den Gärten war aufgerissen. Leitungen wurden verlegt. An einem geparkten Fahrzeug las sie die Aufschrift TELEKOM. Im Gastraum saß sie allein beim Frühstück. Der Wirt hantierte lustlos hinter der Theke herum und wartete ganz offensichtlich darauf, dass sie zahlte. Das tat sie bald, packte oben schnell ihre Sachen zusammen und trug sie zum Auto. Am Ende der Straße, im Büro der Initiativgruppe des ehemaligen Lagers, holte sie sich einen Lageplan. Da sah sie, dass sie noch einige Kilometer Fahrt vor sich hatte. Das Gelände lag außerhalb der Mühlenstadt. Noch verbarg sich der Vater vor ihr. Sie ist schon lange erwachsen, die Mutter längst tot, die eigenen Kinder groß und es fragt sie schon lange niemand mehr nach ihrem Vater. Da geschieht eines Tages das Unglaubliche. Die Mauer ist gefallen, ein ganzes Volk atemlos vor Erstaunen und Freude über die eigene Courage. Wohl eher: nur das halbe. Zumindest bei ihr da unten in Bayern sagt man höchstens, wenn überhaupt über dieses Ereignis gesprochen wird: ja mei ... Aber sie hört jeden Abend nach der Arbeit atemlos dem Nachrichtensprecher zu und kann es kaum glauben. Alles kommt zurück, die Erinnerungen an die kleine sächsische Stadt, an den Garten, die Straßen, die Freundinnen von damals, und auch an das Bild des Vaters über dem Schreibtisch im Wohnzimmer neben dem Kruzifix. Als schon ein paar Wochen vergangen sind, wird das Wort, das sie als Kind nicht sagen durfte, das sie schon fast vergessen hatte, eines Tages lebendig. Sie liest es in der Zeitung, als Überschrift in Helvetica halbfett: Wie wir in Mühlberg überlebten. Und in einer Fernsehsendung sagt plötzlich ein alter Mann, dem sie zuerst nicht zuhören wollte: Ich war in Mühlberg. Ich bin ein Zeuge. Ich bin davongekommen. Sie weiß, sie muss den Ort finden. Muss das Lager sehen, das, was davon übrig geblieben ist. Muss die Wege gehen, die Luft atmen, die der Vater geatmet hat bis zuletzt. Damals, als er jünger war als sie jetzt. Sie macht sich auf die Reise. Jetzt ist sie da. Sie fand das Lagergelände leicht. Ließ das Auto stehen und ging den grasbewachsenen Weg, bis sie bei dem großen Holzkreuz angekommen war. Alles war still. Sie war allein. Ein Birkenhain rechts, durchwachsen von Hagebutten und Vogelbeeren, links Büsche und niedriges Strauchwerk. Dahinter der Blick über die Felder. Ein Häher flog vor ihr auf. Herbstfeuchtes Gras zwischen Haselsträuchern und Brombeergerank. Da waren sie wirklich, die Hinweisschilder, in den Boden gesteckt. Frauenbaracke. Krankenbaracke. Appellplatz. Gräberfeld eins. Alles war wahr. Massengrab. Das Wort bereitet ihr noch immer Schrecken. In einem solchen lag auch das, was vom Vater geblieben war. Nicht alles. Ein Teil war auch in ihr. Du siehst aus wie er, hatte die Mutter oft zu ihr gesagt. Hast seine Augen, seinen Wuchs, bist ganz seine Tochter. Sie hatte das damals nicht gern gehört. Was sollte ihr diese Ähnlichkeit mit einem Mann, den sie nicht kannte? Jetzt macht es sie froh. Wie jung er damals noch war. Sie starben wie die Fliegen, hatte der Mann im Fernsehen gesagt. Ob er noch an sein Kind gedacht hat zuletzt? Oder war alles, was er zurücklassen musste, schon unwichtig geworden? In den weichen Moosuntergrund eines Birkenwäldchens hatten Angehörige schlichte selbstgezimmerte Kreuze in den Boden gesteckt. Namen standen darauf, mit der Hand geschrieben. Sie suchte sich einen der schlanken Stämme aus. Dorthin legte sie den Asternstrauß, den sie mitgebracht hatte. So muss es sein, dachte sie, Blumen. Blumen gehören auf ein Grab. Sie war angekommen. Sie war froh hier zu sein. Es tat ihr gut. Sie sagte das Wort immer wieder. Mühlberg, Mühlberg. Es hatte seinen Schrecken verloren. Sprich es aus, und die steinerne Trauer verwandelt sich. |





